Paraguay-Schock und Grätschen-Gala: Warum wir alle keine Ahnung von Weltfußball haben
Es gibt diese Tage, an denen sitzt man fassungslos vor dem Liveticker, schaut auf die eigene Tipp-Prognose und fragt sich ernsthaft, ob man beim Ausfüllen des Tippscheins komplett von allen guten Fußballgeistern verlassen war. Der 4. WM-Spieltag war genau so ein Tag. Ein Spieltag, der als „Die große türkische Kernschmelze“ in die Annalen unserer Tipprunde eingehen wird.
Frage an die Runde: Wer zur Hölle hatte Paraguay auf dem Zettel? Die Antwort ist mathematisch präzise: Absolut niemand. JEDER einzelne Tipper in diesem elitären Zirkel hatte auf einen Heimsieg der Türkei gesetzt. Es wurden epische 3:0-Gala-Tipps und vermeintlich sichere 2:0-Bänke verteilt. Am Ende gewinnt Paraguay mit 1:0, hinterlässt ein Trümmerfeld aus roten Nullen in unserer Auswertung und beweist, dass diese Weltmeisterschaft ihre ganz eigenen, grausamen Gesetze schreibt.
An dieser Stelle sei ein kurzer Einblick in das Leben des Chefredakteurs erlaubt: Im familiären Umfeld wird dieser seit Spieltag 1 von einer „Expertin der Haupttribüne“ nahezu stündlich darauf hingewiesen, dass es das Turnier der Außenseiter wird. Vielleicht sollte er sie zur Co-Trainerin befördern? 😆
Aber zurück zum Wesentlichen. Während sich fast das gesamte Feld mühsam über die tippfreundlichen Pflichtsiege von Kanada (6:0 gegen Katar) und den USA (2:0 gegen Australien) retten musste, gab es an diesem Spieltag vor allem drei große Geschichten.
Chirurgie mit offener Sohle
Wenn der Name Programm wird: Blutgrätsche hat an diesem 4. Spieltag nicht nur aufgeräumt, er hat die Konkurrenz mit chirurgischer Präzision seziert. Während der Rest der Runde ängstlich im Mittelfeld herumkrebste und auf Sicherheits-Tendenzen hoffte, packte er das ganz große Besteck aus. Drei exakte Volltreffer (Mexiko gegen Südkorea 1:0, USA gegen Australien 2:0 und Schottland gegen Marokko 0:1) spülen sensationelle 18 Punkte auf sein Konto. Nur drei Nieten bei einem so wilden Turnierverlauf? Das ist kein Glück mehr, das ist taktische Genialität auf allerhöchstem Niveau. Dieser brutale Befreiungsschlag spült ihn von Platz 9 auf Platz 5 mit Tuchfühlung an die Spitze. Chapeau, der Herr!
Drama im Olymp der Funktionäre
Es hat sich ausgecheckt an der Spitze! Im großen Duell der Amtsrivalen und Top-Performer hat es gekracht. Machihn, der Titelverteidiger und bisherige König unseres WM-Olymps, erlebte einen echten Offenbarungseid. Magerste 10 Punkte, kein einziger exakter Treffer, keine Differenz – das war defensiver Angsthasen-Fußball vom Feinsten. Das wird auf diesem Niveau gnadenlos bestraft. Nutznießerin des kollektiven Versagens ist Carmen. Mit soliden 13 Punkten nutzt sie die Gunst der Stunde, schraubt ihr Punktekonto auf stolze 54 Zähler hoch und hisst die Flagge der Tabellenführung. Während Carmen sich das Amt der Spitzenreiterin schnappt, rutscht Machihn (52 Punkte) sichtlich geknickt auf Rang 2 ab. Die Jagd ist offiziell eröffnet!
Gefangen im Remis-Sumpf
Wir müssen reden, Rainer. Was war das denn? Während die gesamte Tipprunde im Schnitt entspannte 12,3 Punkte einsammelte, erlebte der amtierende Europameister ein sportliches Fiasko der Extraklasse. Magere 7 Pünktchen, garniert mit satten sechs Nieten. Rainers WM-Strategie war so einfach wie fatal: Er tippte fast überall auf knappe, umkämpfte Unentschieden (1:1 bei USA-Australien, 1:1 bei Kanada-Katar). Blöd nur, dass die Favoriten im realen Leben überhaupt keinen Bock auf Romantik hatten und ihre Gegner komplett auseinandernahmen. Damit verliert Rainer im Gesamtklassement komplett den Anschluss an das Mittelfeld und muss aufpassen, dass ihm die Rote Laterne nicht bald dauerhaft den Weg leuchtet.

